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    Kunstbulletin / Agenda 12/2021 (26.11.2021 - 06.01.2022)
    Agenda-Einträge über www.artlog.net
    Redaktionsschluss für Kunstbulletin-Ausgabe 12/2021: 25.10.2021

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    Mit freundlichen Grüssen
    Ihr Agenda-Team
    Anita Fédier / Claudia Steffens
    ___________________________________________________________________________

    Kunstbulletin / Agenda 12/2021 (26.11.2021 - 06.01.2022)
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    Anita Fédier / Claudia Steffens, Agenda Team

    Kunstbulletin Agenda 12/2021 / Exhibition Agenda Kunstbulletin 12/2021

  2. Taos Pueblo, New Mexico (USA), 17.8.2010. Foto: SH

    Ansichten

    Das Grosse Rätsel – Dialektik am Brotstand

    Sie schüttelt stumm den Kopf, schiebt das Brett vor der Öffnung ihres Erdofens weg, greift mit einem Haken hinein und zieht einen Brotfladen aus der Hitze. Keine ­Falte verzieht sich in ihrem braunen Gesicht, keine Runzel ruckelt auf ihrer Stirn, kein Knitter zittert am Rande ihrer kleinen, im hellen Mittagslicht zu feinen Schlitzen zusammengezogenen Augen. Hat sie mich überhaupt verstanden? Vielleicht spricht sie nur Spanisch oder nur Tiwa, das Idiom der Taos-Indianer, die seit dreihundert Jahren in diesem Pueblo wohnen.
    Ich deute also erneut auf die Wolken, die wie Plüschtiere über den Adobehäusern in einem schlierenlos napoleonblauen Himmel hängen. «Die Wolken über Ihrem Dorf sind berühmt, sie wurden sogar schon gemalt, von    … »
    «Sehen Sie doch genauer hin», sagt sie jetzt in klarstem Englisch und schenkt mir endlich doch ein warmes, weises Altweiberlächeln: «Sie bemerken nur das Loch, nicht das, was es ausmacht. Es sind nicht die Wolken, die über uns schweben. Wir sind es, die unter den Wolken leben. Die Wolken waren schon da, als es uns noch nicht gab. Und sie werden noch da sein, wenn wir nicht mehr sind.» Ihr Kinn deutet hin­über zum Friedhof, wo ein schütterer Glockenturm über lottrige Holzkreuze wacht. Mit einem Pinsel streicht sie etwas Öl auf den Fladen, schiebt ihn auf einen Pappteller und streckt ihn mir hin: «Enjoy!» Ich schaue runter auf mein Brot: Er ist oval und in seiner Mitte klafft ein Loch. Ich hebe den Kopf, doch die Bäckerin ist bereits mit dem nächsten Kunden beschäftigt. 

    Samuel Herzog, Textbauer, Inselbauer, Schüttsteinschaffer. info@samuelherzog.net

    Wo im Heft findet sich das im Text unkenntlich gemachte Kunstwerk? Mailen Sie uns bis zum 24.10. die Seitenzahl. Unter allen Einsendungen werden drei Preistragende ermittelt: raetsel@kunstbulletin.ch

  3. Alberto Venzago · Zugedröhnte Kinderprostituierte auf dem Weg ins Hotel, Manila, Philippinen, 1993

    Alberto Venzago · Kriegswitwen trauern am Grab, Dezful, Iran, 1983

    Besprechung

    Dieser Mann kann viel, und er kann Verschiedenstes, macht sich ein Bild, macht Bilder: Alberto Venzago. Über Jahre hat er weltweit Magazine beliefert, als freier Fotograf oder im Auftrag unterwegs. Dem auch als Filmemacher ausgezeichneten Zürcher widmet das Museum für Gestaltung eine grosse Retrospektive.

    Alberto Venzago — Alles mit Leidenschaft

    Zürich — Schon auf den ersten Blick wird klar: Das ist einer, der etwas zu sagen hat, der sich mit grosser Intensität und engagierter Neugier an die Arbeit macht, um das, was er sieht, zu verstehen und es anderen verständlich zu machen: beste Reportagefotografie, die ohne grosse Erklärungen funktioniert. Diese beispielhaften Bilder aus vertrautem und fremdem, verborgenem oder totgeschwiegenem Leben, in denen es immer irgendwie um Schicksal geht, dem von Einzelnen, von Gruppen, ganzen Natio­nen, machen den grossen Teil von Alberto Venzagos (*1950, Zürich) Schau aus. Der Fotograf, Filmemacher und leidenschaftliche Geschichtenerzähler hat rund 450 Bilder aus den weit über 100’000 in seinem Archiv ausgewählt. Der Schwerpunkt liegt auf Fotografien der 1980er- und 1990er-Jahre: lauter Zeugnisse eines Weitgereisten, beobachtend, mittendrin. Gleich im ersten von vierzehn Kapiteln gerät man in den Sog politischer Konflikte und kriegerischer Auseinandersetzungen. Sechzig zu einem Tableau vereinte Aufnahmen zeigen, wie die DDR ihr dreissigjähriges Bestehen feiert, Lech Wałęsa in Danzig die Kommunion erhält, wie die Systeme ins Wanken geraten; zeigen das Rote Telefon in Washington, Todesschwadronen in El Salvador, Bürgerwehr und Massenbeerdigung in Südafrika. Manches davon ist Geschichte, das ­meiste wirkt bis in die Gegenwart. So wie im zweiten Kapitel der Golfkrieg im Iran, den Venzago in dynamischen und erhellend kontrastreichen Bildern thematisiert.
    Sich Zeit nehmen gehört zu Venzagos Markenzeichen. Im Iran waren es ­Monate, für die Yakuza, eine Art japanische Mafia, fünf Jahre, bis er so «unsichtbar» wurde, dass er überall dabei sein und eine Vielzahl eindrucksvoller Aufnahmen machen konnte. Oder sein Sicheinlassen aufs Dunkle, Magische: Voodoo in Benin, Venzagos erster Film, danach auch Fotografien – packend, bis ins Innerste vorstossende N­ähe. Dunkles auch im Kapitel ‹Kinderprostitution in Manila›, einem Essay mit konkreten Folgen für die deutsche Rechtsprechung. Überhaupt: Concerned Photography. Venzago ist Kameramann von ‹Invisible Crimes›, 2007, der den Opfern des Bürgerkriegs im Kongo Gesicht und Stimme verleiht; ebenso später von ‹Jagdzeit›, der den Walfang in der Antarktis dokumentiert. Gegen Ende der opulenten Schau und nach kunstvollen Blicken auf die Natur erwartet einen ein buntes Kaleidoskop von Kultur- und Szenestars, von Schweizer Lebensrealität in vielen Lagen: Man spürt, dass da einer unterwegs ist, der die Menschen liebt als einer von ihnen. 

    Until 
    02.01.2021
  4. Otto Morach · Asphaltarbeiter, um 1916, Öl auf Leinwand, 114,5 x 86 cm, Kunst Museum Winterthur (ausgestellt ist eine leicht andere Fassung aus dem Kunstmuseum Solothurn). Foto: SIK-ISEA

    Besprechung

    Die Avantgarde hat das Sagen, befreit von Konventionen, auf der Suche nach einer neuen Formensprache: ‹Expressionismus Schweiz› zeigt sie mit Werken von 1903 bis 1933 in ihrer ­ganzen Spannbreite, unter Einbezug der Romandie und des Tessins. Eine Entdeckungstour mit gut gesetzten Akzenten.

    Expressionismus Schweiz — Endlich wild und modern

    Winterthur — Wenn man aus diesem farbigen, expressiven Kosmos wieder auftaucht, glaubt man, mindestens zweihundert Werke gesehen zu haben. Dabei sind es etwa 120, zahlreiche grafische Blätter und wenige Holzskulpturen eingerechnet. Woran das liegt? Gewiss an der Vielfalt, der grossen Strahlkraft, dem dynamischen Leuchten, den noch immer «schmetternden Farbklängen», in denen so viel Aufbruch und Gegenwart mitklingt – an den Überraschungen, dem vielen noch kaum so Gesehenen.
    Da stapft einer dunkelglühend durch die noch glühendere Landschaft des Mendrisiotto, die bemalte Leinwand unter dem Arm, ein ebenso leidenschaftlicher wie gequälter und sensibler Geist: ‹Der Maler› von Hermann Scherer. Scherer, der früh verstorbene Mitbegründer der unter dem Eindruck von Kirchner ins Leben gerufenen Gruppe Rot-Blau, hat mit drei Gemälden und drei Skulpturen – die das ganze dritte Obergeschoss mit Spannung aufladen – einen starken Auftritt in dieser Schau.
    Mehr als vierzig Künstler, darunter vier Künstlerinnen, finden in der von Andrea Lutz und David Schmidhauser kuratierten Ausstellung zusammen. Ob grosse oder nicht so grosse Namen, Mitglieder von Gruppen wie Rot-Blau, Der Moderne Bund, Orsa Maggiore, Le Falot oder eher oft schwerblütige Einzelkämpfer: Alle kommen zur Geltung – von der Ältesten, der mit fünf traumhaften Seelenlandschaften vertretenen Marianne von Werefkin, bis zum zwei Generationen jüngeren Max Sulzbachner, von dem ein einziges, wildes Gemälde (Raskolnikow vor dem Mord an der Pfandleiherin) gezeigt wird. Und alle Werke müssten einzeln aufgeführt werden, denn es ist das Verdienst dieser Schau, dass jedes ebenso für sich wie in seiner Beispielhaftigkeit spricht und Beleg ist für den Stilpluralismus der Zeit – der französische Einfluss mit Kubismus und Fauvismus auf der einen, deutscher Expressionismus auf der anderen Seite. Nicht selten kommen beide Seiten zusammen, bei Otto Morach etwa, der mit für Schweizer Verhältnisse ungewohnt explosiven Gemälden präsent ist. Unter die Haut gehen auch all die Leidenden, denen Eduard Gubler, Ignaz Epper oder der Spätexpressionist Johannes Robert Schürch Ausdruck verleihen. Bewegung, inhaltlich wie formal ein Hauptmerkmal des Expressionismus, bietet ‹Expressionismus Schweiz› überall: in Alice Baillys ‹Dans la chapelle›, Giovanni Giacomettis Äpfeln auf dem Tischtuch, der ‹Gasse in Ascona› der völlig unbekannten Rita Janett und natürlich in Kirchners grandiosen Davoser Landschaften, die, so Kirchner selbst, «mit Blut und Nerven geschaffen sind (…), unmittelbar und suggestiv». 

    Until 
    16.01.2022

    → ‹Expressionismus Schweiz›, Reinhart am Stadtgarten, bis 16.1.; mit spannendem Katalog ↗ kmw.ch

  5. Rahel Scheurer · Verwunschen, 2021, Tempera und Kunstharz auf Baumwolle, 160 x 130 cm

    Besprechung

    Wann überschreitet Abstraktion die Grenze zur Gegenständlichkeit? Mit Gabi Fuhrimann und Rahel Scheurer zeigt der Raum im Benzeholz zwei Künstlerinnen aus zwei Generationen, die in ­ihrer Malerei die Grenzen zwischen Mimesis und Abstraktion sowie zwischen Realität und Imagination ausloten.

    Gabi Fuhrimann und Rahel Scheurer — Im Wunderland Malerei

    Meggen — Den Auftakt zur Ausstellung bilden Aquarelle von Gabi Fuhrimann (*1958). In diesen Arbeiten manifestiert sich das Faible der Künstlerin für die Welt der Mode und das Motiv des bekleideten Frauenkörpers. Changierend zwischen abstrakten und realitätsbezogenen Elementen verbindet die Künstlerin skizzenhaft Gegenstände zu anekdotenreichen Kompositionen. So tauchen in einem Aquarell mit drei schwebenden Erdbeeren vor einem rosa-gelb lasierten Dunstschleier zwei Frauenfiguren auf. Ein ganz anderer Charakter ist den Porträts auf Altholz eigen: Hier avanciert der Bildträger durch die unter dem Farbauftrag durchscheinende Maserung des Holzes zu einem eigenständigen Bildelement von bisweilen objekthafter Präsenz. Auch die auf einem Sockel stehende vorder- und rückseitig bemalte Holztafel ‹ohne Titel›, 2006, wirkt skulptural. Sie zeigt auf einer Seite ein Porträt von Billie Holiday. Gekleidet in ein buntkariertes Cocktailkleid, das übergangslos mit der Karomusterung des Hintergrunds verschmilzt, wirkt die US-amerikanische Jazzsängerin wie eine Gefangene.
    Auch Rahel Scheurer (*1987) arbeitet mit unkonventionellen Bildträgern: So malt sie eine Katze auf die Sitzfläche eines Biedermeierschemels. Das Tier wurde wegen seiner zu einem Schmollmund heruntergezogenen Mundwinkel in den ­sozia­len Netzwerken berühmt. Die Kombination von antikem Möbel und unzufriedener ­Katze weckt Assoziationen an die verstaubte Wohnung einer Person, in der selbst das Haustier an Depressionen leidet. Ähnlich wesenhafte Züge tragen die wie in einer Ahnengalerie präsentierten Hasenporträts auf Tondi. Rundformen kommen als ­Mise-en-abyme auch in den magisch-realistischen Leinwänden vor. In grossformatigen Malereien wie ‹Hochsitz mit Nachtkatze und Taghase›, 2020, oder ‹Verwunschen›, 2021, tauchen in magisch leuchtenden Waldansichten als Bild im Bild weitere Bäume und Tiere auf. Helle Farbkleckse deuten im Mondlicht glänzendes Efeu oder eine Blumenwiese an und machen das Abstrakte gegenständlich fassbar. Prononcierte Hell-Dunkel-Kontraste erzeugen räumliche Tiefe. Zusammen mit dem ‹Fellbaum›, 2021, ­einem in Kunstpelz gehüllten Baumstrunk, treten die gezeigten Arbeiten in ­einen ­regen Dialog. Von einem Ventilator angeblasen wirkt das Fell seltsam lebendig.
    Die räumlich getrennt gezeigten Positionen wahren ihre Eigenständigkeit. Dennoch werden Parallelen deutlich: Beide suchen nach einer eigenen figurativen Sprache und experimentieren mit unkonventionellen Bildträgern.

    Until 
    10.10.2021
  6. Rochus Lussi · Wolfsrudel, 2016–2021 (im Vordergrund); Michael Günzburger, Der Wolf, 2014 (im ­Hintergrund), Ausstellungsansicht Casa d’Angel, Lumbrein. Foto: Ida Sgier

    Manuel Caminada · Objekt für die Filmprojektion ‹il luf›,2021, La sala, Casa d’Angel, Lumbrein. Foto: Ida Sgier

    Besprechung

    In den Alpen, vielleicht in der ganzen Schweiz, gibt es kaum ein so kontrovers diskutiertes Tier wie den Wolf. Den Macherinnen der Schau ‹Der Wolf im Visier der Kunst› gelingt dazu in der Casa d’Angel in Lumbrein, in direkter Nachbarschaft der Tiere, eine so kluge wie ausgewogene Präsentation.

    Der Wolf im Visier der Kunst — Geschichte mit Widersprüchen

    Lumbrein — Für den Städter, der über ‹Il luf el visier digl art› schreibt, war der Wolf bis zur Anreise noch ein Einzelgänger, der durch ferne Wälder streift. Er wird von Anne-Louise Joël, Leiterin des Kulturhauses Casa d’Angel im Val Lumnezia, eines Besseren belehrt. Sie deutet auf mehrere umliegende Wälder, wo die Rudel zu finden seien. Gleich im Erdgeschoss ist denn auch das eindrückliche Rudel des Holzbildhauers Rochus Lussi (*1965, Stans) anzutreffen. Nur durch eine dünne Kordel vom Besucher getrennt, steht es sinnbildlich für die aktuelle Situation und ihre Probleme: Gerissene Schafe oder für Touristen gefährliche Herdenschutzhunde sind nur zwei Beispiele … Zugleich zeigt Lussi den Wolf sehr differenziert, von verspielt bis angriffig. Die Gastkuratorin Gabriele Lutz weist darauf hin, dass wir uns im Sozialverhalten des Wolfs verschiedentlich wiedererkennen – das belegt auch seine Zugehörigkeit zu unserer jahrtausendealten Kulturgeschichte, die in einer Bildpräsentation im Hauptraum angedeutet wird: Bei indigenen Kulturen ist der Wolf ein geschätztes Totemtier und in Europa findet sich mit Romulus und Remus und der Wölfin ebenfalls ein positiver Ursprungsmythos. Dennoch dominierte bei uns eine Haltung, wie sie der Naturforscher Conrad Gessner 1563 formulierte: «Der Wolff ist ein rauberisches, schädliches und frässiges Thier …», das man noch nicht einmal essen könne! Auch Abbildungen von Tobias Stimmer und Christoph Murer aus dem Buch ‹Von der Wolfjagt›, 1579, zeugen im Ausstellungskapitel ‹Historische Darstellungen› von dieser Sichtweise.
    So gefürchtet er war, so begehrt war sein Balg und so gross die vom Wolf ausgehende Faszination, dass man ihm unglaubliche Kräfte zuschrieb. Grafisch überwältigend ist in der Schau der von Michael Günzburger (*1974, Bern) lebensgross lithografierte Abdruck eines Tiers, das 2014 geschossen wurde. Das Blatt fungiert als Gegenstück zum ‹Wolfsbalg› von Barbara Jäggi (*1956, Madiswil), die den Pelz abstrahiert und aus Stahlplättchen zusammengesetzt hat. Die Faszination klingt im Kapitel ‹Mythos und Märchen› etwa in den rätselhaften Blättern von Laine & Heiskanen (*1972 bzw. *1937) aus Finnland an, wo es in einem dunklen Waldszenario zur unheimlichen Begegnung zwischen einer Menschen- und einer Wolfsfigur kommt.
    Insgesamt bietet die Schau mit ausgesuchten Kunstwerken auf kleinem Raum ­einen dichten Eindruck zur Kulturgeschichte des Wolfs und illustriert dabei die Aktualität dieses umstrittenen Themas, ohne Partei zu ergreifen. 

    Until 
    19.03.2022
  7. Dorothea Lange · Migrant Mother, Nipomo, California, 1936, Pigmentdruck nach Originalnegativ, 31 x 40 cm, Courtesy Collection of the Oakland Museum of California, Dorothea Lange Memorial Fund and the National Endowment for the Arts

    Dorothea Lange · Crossroads General Store, North Carolina, 1939, Pigmentdruck nach Originalnegativ, 119 x 164 cm, Courtesy The Dorothea Lange Collection, the Oakland Museum of California, City of Oakland, Schenkung Paul S. Taylor

    Besprechung

    Die amerikanische Fotografin Dorothea Lange wurde weltberühmt mit dem Porträt einer jungen Farmerin, die sie zur Zeit der Grossen Depression in den USA ablichtete. Dass die Bild­ikone ‹Migrant Mother› in einer unbekannten Version gezeigt wird, und dies ausgerechnet in Brugg, ist ein Glücksfall.

    Dorothea Lange — Pionierin der Dokumentarfotografie

    Brugg — Der Zufall will es, dass Paul Taylor, Musiker und Enkel der grossartigen Foto­pionierin aus Kalifornien, nicht nur in Brugg lebt (der Liebe wegen), sondern dass er die Galeristin des Zimmermannhauses Andrea Gsell ansprach, als diese letztes Jahr vor seinem Haus in der Altstadt ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum realisierte. Er hätte da noch einige Originalabzüge seiner Grandma, ob man die nicht einmal zeigen wolle. Nun ist im Zimmermannhaus die berühmte ‹Migrant Mother› in einer fast unbekannten Version zu sehen. Denn dass die junge Frau – Tochter einer Cherokee-­Familie – auf sieben verschiedenen Negativen zu sehen ist, wissen die wenigsten: Hier sitzt sie mit einem Baby im Arm auf einem Kistchen, zwei kleine Mädchen stehen neben ihr und ein Teenager fläzt sich vorne im Bild auf einem abgewrackten Schaukelstuhl. Ein zeltartiges Gehäuse, notdürftig zusammengeschustert aus Tüchern, Schnüren und Ästen, eine leere Essschale und zwei Koffer verweisen auf die prekäre Lebenssituation der Familie. Es ist die Zeit der Great Depression und Dorothea Lange (1895–1965) dokumentiert im Auftrag der Farm Security Administration (FSA) und für Präsident Roosevelts Unterstützungsprogramm die Lebensumstände der verarmten Landbevölkerung in den USA. Sie dokumentiert nicht nur das Elend der weissen Bevölkerung, sondern lichtet auch schwarze Arbeitslose ab, die auf der Veranda eines Drugstores sitzen, wo den Armen Geld ausgeliehen und ihre Ware verpfändet wird.
    Als Meisterin beweist sie sich auch in dem Porträt ‹Ex-Slave with a long ­memory›. Die mit Kopftuch und Schürze bekleidete Frau strahlt Stolz und Würde aus – ein Bild von stupender Schönheit, frei von Sozialkitsch. Die 25 in thematische Gruppen geordneten Bilder (davon mehr als die Hälfte Originalabzüge) repräsentieren alles, was die Fotopionierin aus San Francisco umtrieb: Migration, Armut, Kinderarbeit, Rassendiskriminierung, Umweltkatastrophen (Dust Bowl) und Arbeitslosigkeit. Die 25 Originalprints aus dem Familienalbum des Enkels, seine über QR-Code vermittelten Erinnerungen an die Grossmutter und die von der Klangkünstlerin Lilian Beidler vertonten Naturaufnahmen bilden eine tolle Ergänzung. So richtig ans Herz geht ­indes immer noch das Bild der jungen Mutter, das in seiner ikonischen Version einen Preis von rund USD 250’000 erzielte. Die porträtierte Frau profitierte nie von diesem Erfolg. Sie starb 1983 und hinterliess 10 Kinder, 39 Enkel und 74 Urenkel. Dorothea Lange starb ein Jahr vor ihrer grossen Retrospektive im MoMA. 

    Until 
    03.10.2021

    → ‹Dorothea Lange & Lilian Beidler – Wellenlänge›, Zimmermannhaus und Kabinett c/o Paul Taylor, ­Galerie Falkengasse 6, Brugg, Klanginstallation in der Altstadt, bis 3.10. ↗ www.zimmermannhaus.ch

  8. Schang Hutter · Bronze Figur (Detail), 2007, Bronze 4/6, 168 x 60 x 60 cm

    Besprechung

    Geplant war die Ausstellung als Begegnung zweier Künstler, die sich intensiv mit dem Menschen auseinandersetzen: Schang Hutter und Lorenz Spring. Durch den Tod Schang Hutters im ­vergangenen Juni wird aus der Ausstellung in der Berner Galerie da Mihi nun eine Art erweiterte Hommage.

    Schang Hutter und Lorenz Spring — Fragile Menschenbilder

    Bern — Die Verletzlichkeit des Menschen, das war Schang Hutters grosses Thema. Immer wieder erzählte er von dem für ihn prägenden Aufenthalt in München Mitte der 1950er-Jahre. Als junger Mann war er zum Kunststudium aus dem friedlichen Solo­thurn in die bayrische Metropole gekommen, in der die Spuren des Zweiten Weltkriegs noch deutlich sichtbar waren. Nicht nur im Stadtbild. Stärker als die Ruinen zerbombter Häuser bewegten Schang Hutter (1934–2021) die kriegsversehrten Menschen. Männer mit fehlenden Gliedmassen und vernarbten Gesichtern. Es waren Eindrücke, die sich dem jungen Künstler tief einprägten und ihn in seiner künstlerischen Entwicklung beeinflussten. Er erarbeitete eine Formensprache, die es ihm erlauben sollte, Schmerz und Verwundbarkeit wiederzugeben. So entstanden die dürren Figuren, die typisch wurden für sein Schaffen: mit fadendünnen Beinen und überlangen Armen, die oft wie in grellem Schrecken in die Höhe gerissen sind. Figuren so fragil, dass man den Eindruck bekommt, ein leiser Windhauch könne sie aus dem Gleichgewicht bringen. Hutter, ein politisch denkender Mensch, hat seine Gestalten als Mahnung verstanden, als Aufruf, darüber nachzudenken, was Menschen Menschen antun können – und was das für die Gesellschaft im Ganzen bedeutet. Immer wieder hat er seine Figuren gestaltet, in diversen Materialien, Formaten, Formationen. Die Ausstellung in der Galerie da Mihi zeigt einen Querschnitt davon, präsentiert sowohl grosse Skulpturen in Bronze und Holz als auch kleinere Tischskulpturen und Lithografien.
    Zu den Werken von Schang Hutter gesellen sich Gemälde und kleinere Objekte von Lorenz Spring (*1964), der ebenfalls den Menschen ins Zentrum seiner künstlerischen Betrachtungen rückt. Schaut Hutter mit dem politisch linken Auge, so ist es bei Spring ein christlich-religiöser Blick. In der Ausstellung sind vor allem Arbeiten zum Thema Liebe zu sehen, die einen versöhnlichen Gegenpol zu den anklagenden Figuren Hutters bilden. Eine weitere sehr schöne Ergänzung bilden Fotografien von Tiziana de Silvestro, die im Sommer 2019 entstanden auf der von Thomas Hirschhorn organisierten ‹Robert Walser-Sculpture› auf dem Bahnhofplatz in Biel. Zu Hirschhorns Grossprojekt gehörte eine Dauerlesung, bei der von wechselnden Menschen nonstop Robert Walser vorgelesen wurde. In den Fotografien de Silvestros immer wieder zu sehen sind auch die Figuren der Grossplastik ‹Vertschaupet› von Schang Hutter, die seit 1981 vor dem Bieler Bahnhof installiert ist. Die zerquälten Figuren scheinen den Worten Walsers zu lauschen. 

    Until 
    23.10.2021
  9. Marguerite Humeau · Riddles (Jaws), 2017–2021; Laura Owens · Untitled [SMS +41 79 807 86 34], 2021 (hinten), Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel, 2021. Foto: Philipp Hänger

    Trevor Paglen · Autonomy Cube, 2015, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel, 2021. Foto: Philipp Hänger

    Besprechung

    In der Kunsthalle Basel werden die Möglichkeiten und die Komplexität von Datenübertragung rund fünfzig Jahre nach Kynaston McShines erster Ausstellung über Konzeptkunst im MoMA New York befragt. ‹Information (Today)› trifft den Nerv der Zeit und präsentiert nicht nur Rätsel, sondern ebenso Antworten.

    Information (Today) — Signal und Signifikation

    Basel — Entgegen dem Erbe einer Konzeptkunst, wie sie die Gruppenschau ‹Information› im MoMA 1970 erstmals in globaler Dimension zelebrierte, gleicht der Auftakt der Basler Ausstellung ‹Information (Today)› einem Fest der Formen. Marguerite Humeaus ‹Riddles (Jaws)›, einäugige Mischwesen aus glatt polierten Stahlstangen, blicken uns wachend entgegen. Ob das Signal für ihr nervöses Ticken von einer «Mutter Sphinx» gesendet wird, gälte es zu dechiffrieren. Das diffuse Gefühl, direkt adressiert zu werden und dennoch von Informationen ausgeschlossen zu sein, schleicht sich bereits hier ein. Explizit wird der Akt der (freiwilligen) Einschreibung in ein vorgefertigtes Protokoll bei Laura Owens’ ‹Untitled [SMS +41 79 807 86 34]›, sobald wir die Nummer auf der gemalten Haftnotiz anwählen. Das Gemälde spricht zu uns und antwortet auf die SMS: Empfiehlt es ernsthaft, Simon Dennys Sarkophag-ähnliche Schlafsäcke ‹Remainder 1 & 2› mit eingenähten Seidencarrés von Margaret Thatcher für den bevorstehenden Urlaub einzupacken? Der Algorithmus zielt an uns vorbei. Es bleibt ein quasi-anthropomorphes Gegenüber aus geschichteten Pigmentpixeln und den zur Schau gestellten Gesten der Malerin.  
    Während die Kunstschaffenden von ‹Information› 1970 Technologien verwendeten, um Informationen vom künstlerischen Material abzulösen und deren Distribution voranzutreiben, scheinen sie sich in ‹Information (Today)› gegen die Hieroglyphenlandschaft von digitalen Codes auch durch Materialität absichern zu wollen. Damit einher geht eine veränderte Haltung gegenüber der Institution, sie wird zur Komplizin oder gar zum Safe Space. Der Erlös eines auf einer Handelsplattform versteigerten Werks von Simon Denny soll hälftig zur Kunsthalle und zum Kanton Basel-Stadt fliessen, wodurch die folgenschwere Logik von Kryptowährungen, die staatliche Regulierungen umgeht, wenigstens in soziopolitischer Hinsicht untergraben wird.  Trevor ­Paglens ‹Autonomy Cube› zwinkert uns auf andere Weise zu. Die Platine unter ikonischem Acrylglas-Kubus verzaubert durch ihren ästhetischen Schein. Zugleich eröffnet die Skulptur mithilfe eines Tor-Browser einen temporären Zugang ins Darknet und damit auch einen Ausweg aus den Formen und Techniken des Überwachungskapitalismus: Über WLAN können wir dem digitalen Gesehenwerden für kurze Zeit entfliehen. Der Optimismus von gestern ist kritischer Distanznahme gewichen. ‹Information (Today)› liest sich damit als Feier der Körper im (Ausstellungs-)Raum und bespricht das Digitale konsequent ohne VR-Brille in seinem Verhältnis zum Analogen. 

    Until 
    10.10.2021
  10. Pat Noser · Wallstreet, 2021, Tusche auf Papier, 150 x 100 cm

    Besprechung

    Schrill und chaotisch ist der erste Eindruck: Die Ausstellung im Kunstraum Baden ist definitiv kein Ort für ein kontemplatives Studium von Natur und deren Schönheit. Und trotzdem fordert uns die Künstlerin Pat Noser zum Hinsehen und Nachdenken auf: Was passiert mit der Natur und was passiert mit uns?

    Pat Noser — Geplante Obsoleszenz

    Baden — Der Besuch der Ausstellung von Pat Noser (*1960) hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Ihre Gemälde sind Visualisierungen von Bedrohung und Chaos, aber auch von Stille und Schönheit. Sie bezeugen Dinge, die nichts Gutes bedeuten, und zeigen, wie Ressourcen verschleudert, die Umwelt vergiftet und die Klimawerte in die Höhe getrieben werden: Pat Noser beschreibt in ihrer Malerei den Krieg, der gegen die Natur geführt wird. Die Umweltkrise ist zugleich Ausdruck einer Krise des Systems. Ein System, das mit billigen Tricks zur Steigerung des Verbrauchs arbeitet, wie etwa der «geplanten Obsoleszenz», bei der in industriellen Produkten Verschleissmaterial und Schwachstellen eingebaut werden, um die Lebensdauer – etwa von Glühbirnen – zu verkürzen: Indem der Verbrauch von Konsumgütern angeheizt wird, steigert sich die Produktionsrate – angeblich eine Bedingung des kapitalistischen Systems. Dabei wird mit dem Kapitalgewinn der Zukunft spekuliert, der sich zwangsläufig steigern muss, um den Wirtschaftskreislauf am Laufen zu halten.
    Pat Nosers Akt der Malerei kann als Widerstand gegen diese Zwänge gesehen werden. Ihre Kunstwerke, für die sie meist Zeitungsfotos als Vorlage nutzt, atmen die Hingabe und Meditation eines langsamen Malprozesses. Die Menschen in Nosers Stadt-Landschaften haben sich dabei in Affen und Schweine verwandelt; menschlich beziehungsweise übermenschlich erscheinen einzig die «Ikonen»: sorgfältig porträtierte, meist positiv besetzte Persönlichkeiten unserer Zeit. Und hier regen sich beim Betrachten plötzlich ambivalente Gefühle: Wie sollen nun Nosers Botschaften gelesen werden? Die schematische Aufgliederung in gut und böse teilt die Porträtierten in zwei Lager. Hier die Aktivisten Greta Thunberg und Julian Assange und da die Waffenproduzenten Lockheed Martin und Boeing. Ist es wirklich so einfach?
    Ein französischer und ein russischer Animationsfilm aus dem Programm des ‹Fantoche›-Festivals ergänzen die Schau. In dunklen Bildern wird eine Welt gezeigt, die von zwanghaften Ängsten geprägt ist. Hier lässt sich an die nicht so plakativen, subtileren Abbildungen von Pflanzengewächsen und Landschaften Pat Nosers anknüpfen – und es öffnet sich ein Raum, wo die Überzeugung wachsen kann, dass es sich lohnt, für unsere Umwelt zu leben und zu kämpfen. 

    Until 
    24.08.2021

    → ‹Pat Noser – Geplante Obsoleszenz. Gedanken zum überstürzten Weltuntergang›, Kunstraum Baden, bis 24.8.; diverse Veranstaltungen im Oktober ↗ www.kunstraum.baden.ch

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